Ob Lebensmittel-Onlinehandel wirklich den Supermarkt ersetzt – ein Selbsttest

20140423-194515.jpg

Schlange stehen ist lästig, Wasserflaschen schleppen nervt, der Weg zum Supermarkt ist verschwendete Zeit – und von den eingeschränkten Öffnungszeiten ganz zu schweigen. Lebensmittelkauf im Internet soll nun alles besser machen. Das sagen zumindest die Lebensmittel-Onlinehändler und prognostizieren dem Supermarkt bereits den Tod. Ich war skeptisch und habe mich deshalb auf einen Test eingelassen: Zwei Wochen lang habe ich meine Lebensmittel ausschließlich im Netz eingekauft:

Bisher steckt Lebensmittel-Onlinehandel noch in den Kinderschuhen Babysöckchen. Gerade mal 0,7 Prozent der Lebensmittel in Deutschland werden online gekauft. Aber fragt man die Marktforscher von Ernst & Young, sollen es bis 2020 schon ganze 10 Prozent zu sein. Dafür müssen sich die Onlinehändler aber noch ganz schön ins Zeug legen, um die potenziellen Käufer zu überzeugen – denn ich sehe da noch viel Verbesserungspotenzial.

Das Bestellen: Wer sucht, wird finden. Vielleicht.

Mein allwöchentlicher Samstagseinkauf dauert normalerweise rund eine Stunde, auch wenn ich zu zwei Supermärkten fahre und noch beim Bäcker halte. Mein erster Samstagseinkauf im Internet dauerte ganze 90 Minuten! Denn ich musste meine Einkaufsliste erst bei drei Onlineshops eingeben und alle gefühlt 125 Dinge raussuchen, bevor ich einen Shop gefunden hatte, der zumindest fast alles hatte, was ich wollte.

Pixabay.com/PublicDomainPictures

Hackfleisch für eine leckere Pasta Bolognese gabs bei keinem der Händler. Pixabay.com/PublicDomainPictures

Ich habe den Eindruck, dass das Sortiment der Online-Supermärkte wesentlich kleiner als das von normalen (siehe Übersicht der Online-Supermärkte). Hackfleisch zum Beispiel gab es nirgends. Von meinem Lieblingsjoghurt hatten die meisten Shops nur vier Sorten, während ich im Laden normalerweise aus einer riesigen Palette wählen kann. Frisches Gemüse und Obst gibt es nicht überall und schon gar nicht in großer Auswahl. Und mit einer gut sortierten Fleisch- oder Käsetheke können die Onlineshops selbstverständlich nicht mithalten.

Wer bei der Auswahl seiner Einkäufe wählerisch ist, wird vermutlich selten in einem Shop alles finden, was er braucht. Doch die fehlenden Produkte in einem anderen Shop zu bestellen, lohnt sich kaum. Da ist der Versand teurer als der Warenkorb. Und man muss überflüssigerweise auf zwei Päckchen warten. Der gelegentliche Weg zum Supermarkt bleibt einem also trotz E-Commerce nicht erspart. Und dann stellt sich die Frage, warum man dort nicht auch gleich den ganzen Rest kauft.

Die Lieferung: Erst gut planen, dann warten

Mir persönlich fehlt beim Lebensmittel-E-Commerce die Spontanität. Ich will in den Laden gehen und mich inspirieren lassen. Ich will nicht eine Woche vorher entscheiden, was ich esse. Sondern ich möchte spontan im Supermarkt das kaufen, worauf ich Hunger habe.

Statt dessen muss ich online ein bis mehrere Tage im Voraus bestellen, genau wissen, was ich dann brauche – und auch ja nichts vergessen. Sonst komme ich um den Gang ins Geschäft doch wieder nicht rum und die ganze online eingesparte Zeit wäre wieder futsch. Bei der Bestellung sollte ich natürlich genau wissen, wann ich die Lieferung entgegennehmen will. Also muss ich unter Umständen am Samstagabend entscheiden, dass ich mir Dienstagabend nichts vornehme und sollte wissen, ob ich rechtzeitig zur 18-bis-20-Uhr-Lieferung von der Arbeit komme.

Wenn ich Pech habe und schon um 17.30 Uhr hungrig zu Hause sitze, muss ich unter Umständen noch bis acht Uhr mit knurrendem Magen warten, bis ich mit dem Kochen starten kann. Im anderen Fall darf ich meinem Chef erklären: „Sorry, ich muss jetzt leider schon weg, denn meine Gemüsebestellung kommt gleich.“ Beides schwierig. Und das, obwohl ein zweistündiges Lieferfenster erstmal total komfortabel wirkt.

Der Lieferant: Entscheidet über das Einkaufserlebnis

20140423-194515.jpg

Endlich ist die Lieferung da. Jetzt kann das Kochen losgehen.

Umso schöner ist es, wenn der Lebensmittelbote dann endlich an der Tür klingelt. Nun ja, nicht unbedingt: Mein erster DHL-Lieferant von Allyouneed hat total mitleidig geguckt und dann auch noch die Hälfte im Auto vergessen, sodass er noch mal runterlaufen musste. Es schaffte es tatsächlich, dass ich so was wie ein schlechtes Gewissen bekam. Nach dem Motto: „Ich bin zu faul zum Supermarkt an der Ecke zu gehen, deshalb muss der arme Kern hier abends um halb acht meine Einkäufe hochschleppen.“ Mann, kam ich mir versnobt vor! Und hatte schon gar keine Lust, noch mal zu bestellen.

Aber es geht auch anders. Denn der Freshfood-Kurier bei meiner zweiten Bestellung begrüßte mich schon an der Gegensprechanlage superfreundlich: „Hallo, hier ist Freshfood, eure Lieferung ist da.“ Das fühlt sich doch gleich viel besser an. Vor allem, wenn der Lieferant an der Tür genauso nett und locker smalltakt.

Ich habe gelernt: Das, was im Laden die Freundlichkeit der Kassiererin ist, ist beim Lebensmittel-Commerce der nette Wortwechsel mit dem Lieferanten. Hier entscheidet es sich zwischen gutem und schlechtem Service, positivem und negativem Einkaufserlebnis sowie nochmal oder nicht mehr einkaufen.

Noch eine Bemerkung zur Verpackung: Wie ihr auf den Bildern seht, kommen die online bestellten Lebensmittel in einer ganzen Menge Verpackung. Zum Beispiel Obst und Gemüse sind oft dick verpackt, damit sie nicht beschädigt werden. Außerdem werden immer drei oder vier Produkte in einer extra Tüte geliefert. Zwar waren die Beutel bei Freshfood aus Papier und bei Allyouneed in Plastikoptik, aber biologisch abbaubar (was ich erst im Nachhinein in einer Pressemitteilung gelesen habe), doch beim Einkaufen im Laden können sich Umweltbewusste ihren Leinenbeutel oder Rucksack mitnehmen. Ganz ohne Verpackung geht’s vermutlich nicht, aber die Versender könnten zumindest darauf achten, die Tüten – die übrigens kostenlos sind – bis oben vollzupacken.

Die Produkte: Manchmal Glückssache

20140423-194437.jpg

Die Lebensmittel werden mit viel zu viel Verpackung und Tüten geschickt.

Man hat sich ja mit seinen umliegenden Supermärkten arrangiert. Man weiß ungefähr, wo es was gibt, wie was schmeckt und was das beste ist. Bei den Online-Supermärkten muss man sich erst mal neu einrichten. Zwar gibt es dort hauptsächlich die Standardmarken, aber zum Beispiel Eigenmarken sucht man meist vergebens. Und auch bei Fleisch, Käse, Obst und Gemüse unterscheidet sich das Sortiment. Es heißt also: Umgewöhnen. Und das, ohne dass man die Inhaltsstoffe studieren oder das Produkt ansehen und -fassen kann.

Vor allem beim Obst und Gemüse fehlt mir die Möglichkeit, die Lebensmittel anzusehen, anzufassen und zu riechen. Schließlich suche ich mir gern die schönsten Äpfel und Salatköpfe aus und gehe sicher, dass keine schimmeligen Erdbeeren in der Schale liegen. Bei meiner ersten Bestellung war ich überrascht, denn all das Obst und Gemüse entsprach genau meinen Erwartungen. Doch schon bei der zweiten Bestellung war ich nicht mehr vollkommen zufrieden: Ein Teil der Tomaten war schon gammelig. Die Mandarinen fühlten sich schon mit Schale trocken an und am nächsten Tag war die erste geschimmelt. Im Geschäft hätte ich sie gleich aussortiert.

Der Preis: Die größte Überraschung des Test

Den Mythos, dass online bestellte Lebensmittel wesentlich teurer sind als stationär gekaufte, konnte ich überraschenderweise nur zum Teil bestätigen. Für meine drei Einkäufe, zwei bei Allyouneed und einer bei Freshfood, habe ich insgesamt 86 Euro gezahlt. Mit Versand. In einem normalen Supermarkt – ich habe die Preise bei Hit verglichen – hätte ich knapp 80 Euro gezahlt. Wäre der Versand von einmalig 3,90 Euro nicht gewesen, wären die Preise also fast identisch.

Aus Interesse habe ich außerdem die Preise gleichwertiger Produkte beim Discounter verglichen. Hier hätte ich für alles in etwa 61 Euro gezahlt. Beim Billigsupermarkt wäre also eine Ersparnis von 25 Euro rausgesprungen – immerhin 28 Prozent. Wer Wert auf günstiges Einkaufen legt, ist also beim Offline-Discounter besser aufgehoben. Wer ohnehin ausschließlich Markenlebensmittel kauft, zahlt beim Onlineshop kaum drauf.

Das Fazit: Online kann den Supermarkt nicht ersetzen

Die positiven und negativen Aspekte des Lebensmittel-Onlinehandels habe ich in Stichworten zusammengefasst:

Negative Aspekte:

Foto: Pixabay/Jutta Zeisset

Brötchen gibt’s online nicht. Foto: Pixabay/Jutta Zeisset

  • Der Onlinekauf von Lebensmitteln lohnt sich nur bei größeren Einkäufen, die über die eines Singles hinausgehen.
  • Manche Produkte sucht man online vergebens. Zum Beispiel Hackfleisch habe ich in keinem Online-Supermarkt gefunden.
  • Den Gang zum Bäcker spart man sich ebenfalls nicht, denn frische Brötchen gibt es online nicht.
  • Oft zahlt man Aufpreise für gekühlte oder Tiefkühl-Waren.
  • Man kann sich das Gemüse und Obst nicht aussuchen und Schlechtes aussortieren.
  • Die Lebensmittel kommen in vielen Tüten und Verpackungen – eine Menge Müll also.
  • Die Kühlung funktioniert nicht immer: Zumindest einmal hatte ich TK-Brötchen bestellt, die definitiv nicht tiefgefroren ankamen.
  • Das Warten auf die Einkäufe kann nerven: Normalerweise kauft man die Lebensmittel dann, wenn man sie braucht. Bestellt man sie aber zum Beispiel zwischen 18 und 20 Uhr, muss man unter Umständen hungrig drauf warten.
  • Nichts für Spontane: Man muss schon zum Zeitpunkt der Bestellung, also eventuell 3 – 4 Tage vorher planen, im Lieferzeitfenster zuhause zu sein.
  • Bei zwei Onlinesupermäkten zu bestellen, weil einer nicht alles hat, ist meist unverhältnismäßig teuer.
  • Discount-Marken à la Aldi oder Lidl sucht man vergebens.

Positive Aspekte:

  • Keine Spontankäufe: Man steht garantiert nicht vorm Süßigkeitenregal und packt doch noch Schoki und Chips ein, obwohl man das gar nicht wollte.
  • Kein Getränkeschleppen mehr, denn das macht der Lieferdienst.
  • Kein Schlangestehen an der Kasse: Gerade vor Feiertagen kann es in städtischen Supermärkten richtig voll werden. Diesem Einkaufsstress kann man mit Onlineshopping entgehen.
  • Für Familien ohne Auto ist Lebensmittel-Onlineshopping sicher super, weil sie sich bei den Lebensmittelmengen viel Schlepperei sparen.
  • Wer sich einmal auskennt, für den geht das Bestellen relativ zügig. Und wer jede Woche das gleiche kauft, kann seine vorherigen Einkäufe speichern und noch mal ordern.

Nicht desto trotz: Ich denke nicht, dass der Onlinehandel eine ernsthafte Alternative und Konkurrenz zum Supermarkt ist. Die Lebensmittelpreise in Deutschland sind einfach zu niedrig, das können Onlineshops nicht unterbieten. Außerdem gibt es an jeder Ecke einen Supermarkt und der Weg dorthin ist normalerweise kürzer als die Bestellung und Lieferung. Ich wette also gegen die Ernst-&-Young-Prognose, dass bis 2020 rund 10 Prozent der Lebensmittel online gekauft werden. Denn das sind ja nur noch gut fünf Jahre!

Im Bereich der Delikatessen und Sondersortimente wie vegane Lebensmittel hat der Onlinehandel dagegen vermutlich gute Chancen: Schließlich findet man sie nicht an jeder Ecke und die Bereitschaft, mehr Geld auszugeben, ist groß.

Eine Übersicht zu den deutschen Onlinesupermärkten, ihren Sortimenten und den Liefermöglichkeiten findet ihr hier.

Advertisements

2 Kommentare zu “Ob Lebensmittel-Onlinehandel wirklich den Supermarkt ersetzt – ein Selbsttest

  1. Pingback: Trend- und Hintergrundwissen zwischen Medien, Technik und Wirtschaft

  2. Pingback: Zukunftsforschung und Analysen im Spannungsfeld von Medien, Technik und Wirtschaft

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s